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Autor Druckerfreundliche DarstellungDie feindlichen Brüder (von Liebenstein und Sterrenberg)
Walburga

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Geschrieben: 06.08.2010 06:49

Uralt ist die Geschichte vom Bruderhass. Schon die heilige Schrift erzählt, dass sich Kain gegen seinen Bruder Abel erhob und ihn totschlug. Und so ließ denn sicherlich die doppelte Schildmauer zwischen den benachbarten Burgen Sterrenberg und Liebenstein manche Menschen auch zu der Vermutung hinreißen, hier hätte jemand für seine Söhne zwei Burgen gebaut, damit sie nicht in Streit gerieten, was sich jedoch erfüllte.

Doch von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Burgen gibt es keine Zeitzeugen und auch keine äußerlichen Beweise. Vielleicht kam deshalb im 16. Jahrhundert diese Variante der Sage von den beiden Brüdern, die einst die Burgen bewohnten auf. Und auch Heinrich Heine beschrieb sie in einem Gedicht. Hört heute hier meine Version der Geschichte:

Heinrich und Konrad waren die Söhne von Heinrich Beyer von Boppard. Ihr Vater zog sie mit viel Liebe und Großmut auf. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass er das verwaiste Kind entfernter Verwandter, Hildegard mit Namen, ebenfalls wie eine eigene Tochter auf Burg Sterrenberg empfing.

Die Kinder wuchsen heran, aus den Junkerlein wurden stattliche Recken und Hildegard geriet zu einer wunderhübschen Jungfrau. Wen verwunderte es da, dass sich beide Brüder in Hildegard verliebten. Doch wie sagt ein altes Sprichwort: „Brüder haben ein Geblüte, aber selten ein Gemüte.“ Heinrich, der ältere und ernsthaftere der beiden Ritter, bemerkte, dass seine Gefühle für Hildegard tiefer und tiefer in seinem Herz verwurzelt waren. Und obwohl es ihm nicht gelang, ihr Bild aus seinen Zukunftsträumen zu verbannen, so schaute er auch auf seinen Bruder Konrad. Er bemerkte, dass dieser, der eigentlich mit einer erfrischenden Lebendigkeit gesegnet war, den Blick von Hildegard nicht abwenden konnte, und jegliche frohe Gesellschaft mied, der Hildegard nicht beiwohnte.

Und da Heinrich ein guter Beobachter war, glaubte er auch zu erkennen, dass Hildegard ihn selbst als guten Freund ehrte und schätzte, während sie für den Bruder wärmere Gefühle zeigte. So traf er einen würdigen Entschluss: Er wollte zugunsten der beiden Menschen, die ihm am Nähesten standen, auf sein eigenes Glück verzichten. Ja, er ermutigte Konrad sogar, Hildegard die Heirat anzutragen.

Die schöne Jungfrau willigte ein und auch der Vater gab der Verbindung ihren Segen. Jedoch sollte die nun beschlossene Heirat noch einige Zeit hinausgeschoben werden, in einer Art Verlobungs- oder Probezeit.
Um über seinen Schmerz der unerfüllten Liebe hinwegzukommen und um das Glück der beiden Brautleute nicht zu gefährden, folgte Heinrich dem Aufruf, sich als Ritter der christlichen Welt unter das Banner des Kreuzes zu stellen. Die Kunde von seinen ritterlichen Taten im Kampf erreichte auch nach wenigen Monaten die Burg Sterrenberg. Und so geschah es, dass Konrad, der ja ohnehin der unternehmungslustigere der beiden Brüder war, nicht länger abseits des Ruhmes seines Bruders stehen wollte. Auch seine junge Braut konnte ihn nicht mehr davon abbringen, obwohl die Hochzeit nur noch wenige Wochen entfernt vorgesehen war. Schon einige Tage später zog auch er von dannen.
Tage so lang wie Wochen, Wochen so lang wie Monate und Monate, die wie Jahre schienen, vergingen.

Nur unzuverlässige Nachrichten aus dem heiligen Land erreichten die Burg und Hildegard verzehrte sich vor Angst und Sehnsucht nach ... beiden Brüdern. Da endlich kam der Tag, an dem sie eine Schar Bewaffneter unter dem Banner der Beyer auf dem Weg zur Burg ausmachen konnte. Doch nicht Konrad, wie von ihr zuerst vermutet, sondern Heinrich war es, der an der Spitze heran ritt.

„So sag doch, Heinrich. Was ist mit Konrad? Er lebt ... Gott sei’ s gelobt! Doch weshalb bist Du ohne ihn zurück gekehrt? ... Du hast ihn schon lang nicht mehr gesehen? Woher weißt Du dann, dass er nicht im heiligen Land verschollen? ... Er ist nicht mehr in Palästina? Nach Athen zurück und Du hast ihn hier erwartet? Wie kann das sein?“

Nur spärlich, zurückhaltend und sehr verlegen berichtete Heinrich von seinem Bruder, doch ließ er es nicht an Zuspruch und Trost für Hildegard mangeln. Konrad würde sicherlich bald ebenfalls gesund und munter wie immer vor ihnen stehen. Sicherlich hätte er nur einen anderen Auftrag des Kaisers zu erfüllen.

Der Vater der Brüder war einige Wochen vorher verstorben. Sterrenberg war Heinrich und Liebenstein seinem Bruder Konrad als Erbe zugefallen. Auf letzterer Burg hatte sich Hildegard als Braut von Konrad niedergelassen. Damit sie nicht allein und schutzlos dort sei, zog Heinrich ebenfalls dort ein. Doch wer Arges dabei gedacht hätte, der kannte den ehrenhaften Heinrich nicht. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, Hildegard für sich zu gewinnen. Und sie ertrug ihr Leid ohne Klage.

Ja, bis eines Tages ... Die frohe Kunde von der Rückkehr Konrads war ihm schon vorausgeeilt und Hildegard war wie aus dem Häuschen. Wie erschrocken und entsetzt schaute sie jedoch, als Konrad vor ihr stand. An seiner Seite war eine schwarzhaarige und glutäugige Griechin den Burgberg hinaufgeritten.

Als Heinrich Hildegard sah, wie sie sich umdrehte, in den Burggarten lief und dort lautlos auf einem Mauerstück zusammensank, war dies wohl der größte Schmerz, den er empfinden konnte. Sein Bruder trat seine heiligsten Gefühle mit Füßen, sein Bruder, für den er selbst sein Lebensglück aufgab.

Heinrich konnte nicht ahnen, was in Hildegard vorging. All die Jahre hatte sie im Prinzip den älteren Bruder tiefer in ihrem Herzen geliebt. Doch dieser schien es nicht bemerkt zu haben. So willigte sie in die Heirat mit Konrad ein. Wie schön waren doch die letzten Tage und Wochen mit Heinrich. Und trotzdem hatte sie ihr gegebenes Versprechen gehalten. Es kam ihr jetzt wie ein Hohn vor. Doch was würde passieren, wenn sie sich jetzt Heinrich zuwenden würde? Würde das die Brüder nicht entzweien? Wie könnten sie dann noch glücklich werden?

Heinrich forderte Konrad zum Zweikampf, um für die Ehre von Hildegard zu kämpfen. Dieser erkannte zwar beim Wurf des Fehdehandschuhs sein Unrecht, wollte er jedoch vor seiner schönen Gemahlin stolz und furchtlos erscheinen.

Alles wurde zum Kampf geordnet und auch ein heftiges Gewitter, das an diesem Abend über der Burg tobte, konnte den Beginn nicht hinaus schieben. Die Blitze zuckten mit den Klingen der Schwerter um die Wette ... als sich plötzlich eine weiße Gestalt zwischen die feindlichen Brüder warf. Die Brüder erstarrten vor Schreck und gottlob wurde sie nicht getroffen.

Es war Hildegard: „Konrad, willst Du Deine Lebendigkeit und Deinen Frohsinn wirklich hier opfern. Wenn Du den Kampf verlierst, verlierst Du Dein Leben und könntest Du wirklich froh bleiben, wenn Du Deinen Bruder tötest? ... Heinrich, liebster Heinrich, Du musst mir nicht mehr beweisen, wie sehr Du mich liebst und ehrst! Viele Jahre war ich mit Blindheit geschlagen, doch die letzten Wochen haben mich sehend gemacht. ... Beide seid Ihr mir lieb und teuer, ich kann nicht mit ansehen, wie Ihr Euch nur um meinetwillen entzweit ... wo Ihr doch das Sinnbild der Brüderlichkeit und Ritterlichkeit für mich seid. Wenn auch Ihr mich von Herzen liebt und ehrt, so schwört mir hier bei dieser Liebe und bei Gott, dass Ihr heute und künftig in Ruhe und Frieden miteinander leben werdet. Versprecht es mir! Ich will auch dann in Dankbarkeit zum Herrn, der Euch die Kraft dafür gibt, in das Kloster Marienberg eintreten.“

Mit Tränen in den Augen wandte sich Hildegard ab. Die Brüder konnten sich ihrem Wunsch nicht entziehen. Für eine wirkliche Versöhnung war jedoch kein Platz. Jeder zog sich auf seine Burg zurück, Hildegard nahm den Schleier, wie es damals hieß, und lange Zeit war es still ...

... bis zu dem Tag, an dem Konrad erkannte, dass seine wunderschöne griechische Gattin mit einem anderen Ritter auf und davon war. Von Heinrich kam kein Wort des Vorwurfs, im Gegenteil, er stand seinem Bruder in den schweren Stunden der Schmach bei. Und so setzten Sie endlich den Schwur, den sie Hildegard gegeben hatten, wirklich in die Tat um.

Als Konrad früh starb, trat Heinrich dem Kloster Bornhofen bei. Und – es wird erzählt ... dass einst der Tag kam, an dem sowohl in Bornhofen als auch in Marienberg die Glocken läuteten. Es war der Tag, an dem Heinrich und Hildegard zur gleichen Stunde aus diesem Leben geschieden sind.



Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen -
Erwachsenen, damit sie aufwachen.

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Teleri

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Die feindlichen Brüder (von Liebenstein und Sterrenberg)

Geschrieben: 22.02.2014 21:47

Hallo Walburga,

was für eine melancholische Geschichte von unerfüllter Liebe! Danke dafür.

Lieben Gruß, Steffi



Liebe Dich selbst, dann können die anderen Dich gern haben! (Eckart von Hirschhausen)

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